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übüFamily [werkraumtheater] Geschichte und Philosophie

übüBooklet 2019 | von Bettina Leitner

Das Grazer werkraumtheater wurde im Jahr 1995 von Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian gegründet und belebt seitdem erfolgreich die Freie Szene abseits der Norm. Was ursprünglich als Alternative zu den konventionellen städtischen Theatern ins Leben gerufen wurde, gilt heute – 25 Jahre später – als eigene Marke und steht für ausdrucksstarke Theaterkunst, die eben nicht (nur) unterhalten will, sondern auch berühren soll und sich so gegen das sogenannte „Instant-Theater“ absetzen möchte.

Jedes einzelne Stück kennzeichnet eine mehr oder weniger starke, aber konstante Durchzogenheit von Tradition und Geschichte, welche uns etwa berühren mag, teils vielleicht auch unangenehm ist oder gar (un)ästhetisch wirkt. Gerade diese Reichhaltigkeit und Tiefsinnigkeit sind es, welche die Stücke und Projekte des werkraumtheaters so einzigartig machen. – Weg von der Norm und den Vorgaben, die uns die Gesellschaft ein-indoktriniert, hin zur Freiheit und Individualität und schließlich hin zur „freien Kunst“.

Gelebte Philosophie

Diese Philosophie lebt das Grazer werkraumtheater seit seinen ersten Vorstellungen „Der Ewige Kreis“ und „WOMAN. Ein Stück NO“. Bereits hier präsentierte das werkraumtheater seinen unverkennbaren Zugang zur Theaterkunst: In japanischen NO-Theatermanier sprechen die maskentragenden Protagonisten nicht selbst, sondern werden gesprochen. Das Stück gestaltet sich als eine biographische Skizze über den Selbstmord der Wiener Künstlerin Joana Thul, an deren künstlerischen Lebensnerv viele arme und ehrgeizige Künstler gesaugt haben. – Kunst und historische Tradition vereint.

Durch das Maskenspiel sind bald typische Gestalten, Proto- und Stereotypen entstanden, die in den nachfolgenden Stücken fortzeichnen und sich mitunter weiterentwickeln oder persönlich entfalten, wie im Übü-Zyklus ersichtlich wird. Nach gelungenem Debüt mit „WOMAN“ im Jahr 1996 folgte bereits im nächsten Jahr die Fortsetzung „WOMAN II“, die durch Rollentausch die Überschreitungen und Durchdringungen von Geschlechterrollen und der gesellschaftlichen Zuschreibung von „Weiblichsein“ auseinandersetzt.

Über die Jahre entwickelte sich das werkraumtheater – immer seiner philosophischen Ausrichtung treu – zu einem Stück Grazer Kultur. Persönliche Interessen und politisch-soziale Entwicklungen liefern ständig Stoff für neue Produktionen. So entdeckten Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian ihre Liebe zu Alfred Jarry und seinem Konzept der `Pataphysik – die Geburtsstunde der bisher 5-teiligen Übü-Serie hat geschlagen.

Alfred Jarry und die `Pataphysik

Alfred Jarry, Erfinder der berühmten Theaterfigur König Ubu (Ubu roi), wurde 1873 im französischen Laval geboren. Er stammte aus einer relativ wohlhabenden bretonischen Bürgerfamilie, doch sein Lebensweg war kein einfacher. Nachdem er mehrmals erfolglos versucht hatte, an der École normale supérieure, einer der besten europäischen Universitäten, aufgenommen zu werden, und nachdem er schließlich auch sein Philologiestudium an der Sorbonne ohne Abschluss beendet hatte, entschied er sich im Milieu der Pariser Bohème mit literarischen Produktionen aller Genres sowie literatur- und theaterkritischen Essays zu verdingen.

Ubu Roi | Im Jahre 1896 kam es schließlich zur Uraufführung seines berühmtesten Werkes, des grotesk-komischen Dramas König Ubu (Ubu roi), was bis heute als eines der wohl bekanntesten Skandale der französischen Theatergeschichte angesehen wird: Jarrys Figuren zeichnen sich durch eine ins Typenhafte gesteigerte Entpsychologisierung bzw. Entpersonalisierung aus und wollen provozieren:

König Übü von Alfred Jarry

Gleich zu Beginn kommt es durch Ubu zum skandalösen Ausruf „Merdre“, was im Deutschen etwa mit „Schreiße“ wiedergegeben werden kann. Aufgrund der dadurch entstandenen Tumulte musste die Vorstellung vorerst für einige Momente unterbrochen werden. Wie nicht anders zu erwarten, gestalteten sich die Rezensionen der Presse als vernichtend und Jarry wurde zu Stellungnahmen genötigt. Nach diesen initialen Aufregungen brachte Jarry schon im Jahr danach in verschiedenen literarischen Periodika Fragmente seines Romans „Heldentaten und Ansichten des Doktor Fraustroll“ heraus, welches sich als neowissenschaftlicher Roman mit Hang zu Irrwitz und Paradoxa präsentiert.

Faustroll

Dieses Werk gilt als Gründungsdokument seiner `Pataphysik, der Wissenschaft von imaginären Lösungen, die sich als scheinbar logische Erweiterung der Wissenschaft und Philosophie versteht.

Außenseiter

Infolge der fehlenden Rezeption seiner Werke durch die literarische Öffentlichkeit führte Jarry schließlich zunehmend ein Außenseiterdasein am Rande des Existenzminimums. Im Bemühen, die Grenze zwischen Realität und Literatur zu verwischen, entwickelte er auffällige Schrullen und Idiosynkrasien, beispielsweise näherte er sich in Sprachduktus und Gebaren seiner Hauptfigur Ubu an und erging sich in antibürgerlichen Exzessen. So schoss er zum Beispiel während eines Gala-Diners mehrmals mit einer mit Platzpatronen geladenen Pistole auf einen ihm besonders unliebsamen Gast.

Wirkung

Doch gerade nach seinem Tod wurde sein Konzept der `Pataphysik immer populärer: Während die `Pataphysik bis ins Jahr 1948 eine fast ausschließlich literarische Idee war, inspirierte Jarrys Konzept zunehmend Künstler, Schriftsteller und auch Dramaturgen, woraufhin europaweit zahlreiche „`pataphysische Vereinigungen“ gegründet wurden.

Doch was zeichnet nun diese Philosophie aus?

Zuerst einmal gilt es, die `Pataphysik als Teil der Welthaltung zu entdecken und sie im Zusammenhang eines Gesamtsystems zu erfassen. Im Zentrum steht dabei der Versuch, Realität zu mimen, um das, was wir als solche erfahren, zu ergründen. Rational-logisches und ästhetisch-logisches Vorgehen greifen hierbei ineinander und lassen künstlerische Produkte direkt neben theoretischen Auseinandersetzungen auftreten. Daraus ergibt sich schließlich ein Weltmodell, das die bislang singulär erscheinenden Sätze der `Pataphysik in einen größeren Zusammenhang stellen.

Dabei sind oft auf den ersten Blick scheinbare Grotesken und Nonsens-Aktionen mit dem Fokus auf das Ganze der Weg zum Ziel. So ist beispielsweise eine bekannte `pataphysische Untersuchung die Berechnung der Oberfläche Gottes, die Jarry wie folgt definierte: ±Gott ist der kürzeste Weg von 0 bis ∞ (im einen oder anderen Sinne) und so den `pataphysischen Spiritualismus ins Leben rief.

Nicht zuletzt auch das Prinzip der `pataphysischen Umkehrung war für Franz Blauensteiner und Rezka Kanzian eine große Inspiration für ihre Übü-Serie, besonders für den zweiten Teil „Übü in Ketten“. An einem Beispiel veranschaulicht lässt sich diese Theorie gut erklärt: Ordnet man sich permanent unter, lässt sich versklaven und dient dem Volk, macht man dieses von sich abhängig. So auch begeben im wth-Stück Mutter und Vater Übü, die ehemaligen Regenten, freiwillig in Sklaverei, um in ihrem freien Land Karriere machen zu und wieder ihren Platz am Thron einnehmen zu können. – So war zumindest der Plan. Die `Pataphysik zeigt sich hier als Konglomerat von Posse, philosophischem tiefen Sinn und Unsinn.